Stative in der Naturfotografie


In den Jahren in denen ich die Naturfotografie betreibe ist mir eines immer wieder aufgefallen. Viele Fotografen investieren ihr Geld in teure Gehäuse bzw. noch teurere Optiken und werden bei der Wahl des Stativs auf einmal zum Schotten. In einem über die Grenzen von NRW bekannten Naturschutzgebiet traf ich einmal einen Mitstreiter mit einem 600mm Objektiv samt Profigehäuse, er erzählte mir von seinem Leid. Dreimal habe er das Equipment inzwischen eingeschickt und immer sei noch keine Besserung in Sicht. Beim Aufbau seiner 12.000 EUR Kamera/Objektiveinheit fiel mir auf, dass er das Ganze auf ein Stativ mit Kugelkopf gepackt hat, das maximal 3% der gerade erwähnten Summe gekostet hat. Ehrlich gesagt halte ich ein stabiles und hochwertiges Stativ mit dem dazugehörigen Stativkopf für das wichtigste Zubehör überhaupt. Ich muss allerdings zugeben, dass ich anfangs auch Kompromisse eingegangen bin. Welches Stativ nun das richtige ist, kann nicht so einfach geklärt werden, wie so oft wird man die eierlegende Wollmilchsau nicht finden. Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse in der Makro-, Landschafts- oder Vogelfotografie. Daher hier einige Gedanken zum Thema Stativwahl.

 

Eigenschaften eines Stativs

 

Welche Eigenschaften sollte ein Stativ mit sich bringen? Klar es sollte in erster stabil genug sein, um die schweren Telelinsen die häufig in der Tierfotografie genutzt werden zuverlässig zu tragen. Es sollte auch mit den widrigsten Bedingungen zurechtkommen, sei es im Winter bei Eis & Schnee oder aber auch mit Feuchtigkeit in Form von Wasser, Schlamm oder gar Sand. Auch eine leichte Reinigung ist durchaus wünschenswert. Toll wäre es natürlich auch wenn es leicht zu transportieren wäre, es sollte also zum einen nicht zu lang und vor allem nicht zu schwer sein. Selbstverständlich muss es aber auch groß genug sein damit man bequem arbeiten kann und auch bodennahes Arbeiten ist eine Pflichtdisziplin. Wenn es sich dann noch schnell und leicht bedienen lässt und obendrein nicht mehr als 200 EUR kostet, hat man schon das perfekte Stativ gefunden. Um es an dieser Stelle vorweg zu nehmen, man wird dieses Stativ nicht finden...

 

Bauformen

 

Bekannt und weit verbreitet sind in der Fotografie Dreibeinstative mit ausziehbaren Teleskopbeinen. Inzwischen wird von der Firma Novoflex sogar ein Stativ mit 4 Beinen angeboten, das sogenannte Quadropod - ich bezweifle trotz positiver Erfahrungsberichte im Internet, dass sich diese Innovation durchsetzen wird. Ebenfalls häufig in der Sport- und Naturfotografie wird das Einbeinstativ eingesetzt. Tisch-, Klemm- und Ministative sind eher für kompakte Digitalkameras zu gebrauchen, aber auch hier gibt es Ausnahmen. Spezielle Autoscheibenstative sind neben sogenannten Bohnensäcken bei Naturfotografen recht beliebt um aus dem "Deutschen liebsten Kind" fotografieren zu können.

 

In den allermeisten Fällen wird der Naturfotograf allerdings auf Dreibeinstative zurückgreifen, da diese am vielseitigsten einzusetzen sind. Die Makrofotografie ist ohne sie nicht möglich und auch die Ansitzfotografie macht meist nur mit einem Dreibein richtig Spaß. Nur sind auch die Ansprüche wieder grundverschieden, während das Ansitzstativ eher etwas schwerer sein kann, sollte das Makrostativ leicht und schnell zu bedienen sein. Auch eignet sich ein schweres Ansitzstativ nicht sonderlich gut für die Pirschfotografie, hier wird der ambitionierte Naturfotograf gerne auf ein leichtes Einbeinstativ zurückgreifen, mit dem er sich komfortabel fortbewegen kann.

 

Material

 

Die heute üblichen Materialien für Fotostative sind Aluminium, Holz und Carbon. Ein Hersteller bietet in seinem Sortiment auch Modelle aus Basalt an, aber bisher hat es hier noch keinen echten Durchbruch gegeben. Die Materialien haben unterschiedliche Eigenschaften und somit auch Vor- und Nachteile die hier im kurzen erläutert werden.

 

Aluminium

Holz Carbon
+ relativ günstig + sehr stabil + sehr leicht
+ relativ leicht + robust + relativ Schwingungsarm
+ relativ stabil + Schwingungsarm + im Winter nicht so kalt
+ unempfindlich - schwer - sehr teuer

- überträgt Schwingungen

- sperrig - relativ empfindlich
- im Winter sehr kalt - relativ teuer  

 

 

 

Den größten Marktanteil haben die Aluminiumstative, gefolgt von den Carbonstativen, was sicherlich auf den Preisunterschied zurückzuführen ist. Der Anteil der Holzstative ist vergleichbar gering, was wahrscheinlich der Tatsache geschuldet ist, das es nur sehr wenige Hersteller in diesem Segment gibt. Wie so oft entscheidet bei der Wahl des Materials neben dem persönlichen Geschmack eben auch der Geldbeutel.

 

 

 

Ausstattung & Zubehör

 

Neben dem Material unterscheiden sich Stative sehr stark von der Ausstattung. Ob man sich für Klemm- oder Schraubverschlüsse entscheidet, bestimmt der persönliche Geschmack. Einfacher und meist schneller funktionieren die Klemmverschlüsse, sie haben den Vorteil das sie auch unempfindlicher gegen Schmutz sind. Aber wie der Name schon sagt, besitzen Klemmverschlüsse Klemmen, also vorsichtig mit dem eigenen Fleisch. Schraubverschlüsse hingegen lassen sich lautlos bedienen und zumindest an aktuellen highend Modellen können diese mit einer Viertelumdrehung geöffnet und geschlossen werden. Wer große Hände hat öffnet alle Verschlüsse zeitgleich an einem Bein und zieht diese aus, gleiches funktioniert auch beim Zusammenbau (getestet mit einem Gitzo 5541LS mit G-Lock & ALR), so verliert man im Vergleich mit den Klemmverschlüssen nicht so viel Zeit.

 

Bei den Angaben zur Tragkraft ihrer Stative, bekommt man bei manchem Hersteller den Eindruck, dass sie sich Anregungen bei den Preisanglern geholt haben. Nur wenige Hersteller machen präzise und nachvollziehbare Angaben, zu nennen wäre hier Gitzo, die einen anderen Weg gehen und ihre eigene Norm haben. Grundsätzlich hängt die Stabilität vom Durchmesser der Stativbeine ab, je größer dieser ist, umso höher wird die Tragkraft sein - zumindest theoretisch. Besonders der Bereich des Schenkelkopfes spielt hier eine weitere nicht unerhebliche Rolle. Doppelrohrstative sind in Sachen Tragkraft unschlagbar, mehr als 50Kg Tragkraft sind hier keine Seltenheit, gerade diese Bauform garantiert im eben erwähnten Kopfbereich eine sehr hohe Steifigkeit. Holzstative aus der UNI-Serie von Berlebach werden ebenfalls nach diesem Prinzip gebaut.

 

Ein weiterer Aspekt den man bei den Punkten Aufbau und Stabilität beachten sollte sind die Anzahl der Auszüge. Je mehr Auszüge ein Stativ besitzt umso kleiner ist das Transportmaß, aber auch die Stabilität nimmt mit der Anzahl der Beinsegmente ab. Auch kann es den einen oder anderen beim Aufbauen nerven, wenn man viele Auszüge bedienen muss. In der Regel haben sich Stative mit 3-4 Segmenten etabliert, die kleinsten von ihnen haben immer noch einen ausreichend großen Durchmesser um die nötige Stabilität zu gewährleisten.

 

Die maximal erreichbare Höhe eines Stativs richtet sich natürlich in erster Linie nach der Körpergröße des Besitzers, sollte aber auch jeden Fall so gewählt werden, dass man bequem ohne Verrenkungen durch den Sucher schauen kann. Ein 2m Mann wird mit einem 130cm Stativ nicht glücklich werden und sich früher oder später ein weiteres Stativ kaufen oder aber wegen Rückenbeschwerden die Kamera an den Nagel hängen. Positiv auf die Arbeitshöhe kann sich aber noch ein Stativkopf auswirken, die inzwischen recht beliebten Teleneiger haben meist eine höhere Bauform als ein Videoneiger oder Kugelköpfe. Die richtige Arbeitshöhe sollte aber immer auch ohne Mittelsäule erreicht werden, eine Mittelsäule, egal ob zum klemmen oder kurbeln, stellt beim Arbeiten im Telebereich immer einen Kompromiss da. Meine Empfehlung daher: möglichst ganz auf eine Mittelsäule verzichten!

 

Ebenso wichtig wie die maximale Höhe ist die minimale Arbeitshöhe. In den meisten Fällen ergibt eine bodennahe Perspektive eine ganz andere Bildwirkung, also runter auf den Boden und ausprobieren - Sie werden staunen. Dafür ist es wichtig dass Ihr Stativ diese Disziplin überhaupt beherrscht.

 

Zum Ausrichten des Stativs ist eine Libelle sehr nützlich, trotzdem ist es schon eine anspruchsvolle Aufgabe, ein Dreibeinstativ nach mit diesem Hilfsmittel auszurichten. Besitzt man einen Teleneiger (z.B Wimberley, Nill) oder plant dessen Anschaffung, ist es empfehlenswert ein Stativ zu wählen das bereits eine Nivelliermöglichkeit (z.B. Feisol) hat oder aber zumindest die Möglichkeit zum Nachrüsten einer Halbkugel bietet. Diese Modelle erkennt man an ihren abnehmbaren Stativteller. So wird man später davor bewahrt, eine schwere und teure Alternative zu einer "echten" Nivellierung zu kaufen. Das Einstellen der optischen Achsen ist innerhalb von Sekunden erledigt und man kann sich auf das wesentliche konzentrieren.

 

Aluminiumstative haben im Winter die unangenehme Eigenschaft sehr kalt zu sein, daher ist es schön wenn sie bereits ab Werk über sogenannte Legwarmes verfügen. Das macht das ganze schon wesentlich komfortabler und schützt obendrein das Material, also ist das Ganze auch bei empfindlichen Carbonstativen zu empfehlen. Sollten sie serienmäßig nicht vorhanden sein, gibt es inzwischen einige Hersteller (z.B. Op/tech) die sich dem Problem angenommen haben.

 

Als Naturfotograf begibt man sich oft im unwegsamen Terrain, mal hat man Lehmboden, an anderer Stelle steht man auf Fels. Nicht immer sind die Serienmäßigen Gummifüße an den Stativen die beste Wahl. Einige Hersteller haben Serienmäßig bereits Spikes in ihren Modellen integriert, an einem guten Stativ kann man diese Hilfsmittel aber zumindest nachrüsten.

 

Falls das aufgesetzte Equipment noch nicht schwer genug sein sollte, bieten einige Hersteller einen Haken an, der sich unter dem Stativteller befindet. Mit angehängten Gewichten (z.B. Tasche/Rucksack) kann das Stativ beschwert werden und somit zusätzlich die Standfestigkeit erhöht werden.

 

Eine Tasche schützt das gute Stück beim Transport im Kofferraum, ansonsten stellt sie für mich nur unnützen Ballast dar.

 

 

 

Stativköpfe

 

In den meisten Fällen werden die Stativköpfe über eine Gewinde (1/4 bzw. 3/8 Zoll) auf dem Stativteller befestigt. Es gibt aber auch Modelle die direkt durch eine Aufnahme am Stativ (70 bzw. 100mm), der sogenannten Kalotten-Aufnahme, befestigt werden. Dies macht insbesondere bei der Verwendung von Nivelliereinheiten Sinn. Die Auswahl an Stativköpfen und deren Bauformen ist schlichtweg sehr groß, so gibt es Kugelköpfe, 2- und 3-Wege Neiger, Getriebeköpfe und Gimbalköpfe. Hier sollen nur die gängigsten und für die Naturfotografie relevantesten vorgestellt werden:

 

Kugelköpfe

 

Kugelköpfe gibt es in sehr vielen Varianten, die sich hauptsächlich durch die Ausstattung, der Größe der Kugel und somit durch ihre Tragkraft unterscheiden. Kugelköpfe sind vielseitig einsetzbar, was auch ihre große Verbreitung erklärt. So kann man sie für alle Facetten der Fotografie einsetzen und sollten somit in keiner Ausrüstung fehlen. Gute Köpfe verfügen über eine Panoramaeinstellung, eine Friktion und über mindesten eine Hochformatöffnung verfügen. Typische Vertreter dieser Gattung sind z.B. Novoflex Classicball 50, Arca Swiss Monoball Z1, Really Right Stuff BH-55, Markins Q10, Kirk BH-1, Linhof Kugelkopf III oder FLM CB-58.

 

Gimbalköpfe

 

Gimbal kommt aus dem englischen und bedeutet Kardanische Aufhängung, also einer Vorrichtung die einen Gegenstand in zwei rechtwinkligen Achsen lagert und drehen lässt. Im Fall der Fotografie ist dies die Kamera samt Objektiv. Geeignet sind diese Stativköpfe besonders für Flugaufnahmen, da sich mit ihnen ohne großen Kraftaufwand und Wiederstand die Flugbewegungen von z.B. Vögeln verfolgen lassen. Bei statischen Motiven werden häufig konstruktionsbedingte Schwingungen vom Fotografen bemerkt. Der Einsatz dieser Köpfe in anderen Bereichen der Fotografie ist mehr als beschränkt und stellt einen weiteren Nachteil da. Die Köpfe werden inzwischen von vielen Herstellern angeboten: Wimberley WH-200, Manfrotto MA393, Benro GH-2, Nill Classic oder Ex, Custom Bracket CB Gimbal.

 

Videoneiger oder Fluidneiger

 

Wie der Name bereits vermuten lässt kommen die sogenannten Videoneiger aus dem Bereich des Films, sie lassen horizontale und vertikale Schwenks zu. Sie sind auch bei Fotografen in Verbindung mit langen und schweren Telebrennweiten sehr beliebt. Die meisten Modelle sind mit einer justierbaren Dämpfung ausgestattet, die es erlaubt weiche Schwenks durchzuführen. Gerade durch die Art der Dämpfung unterscheiden sich die verschiedenen Modelle, hochwertige Köpfe bieten hier eine sehr feinfühlige Justierung, die aber natürlich auch ihren Preis hat. Videoneiger sind ebenfalls eine gute Wahl für Flugaufnahmen, eignen sich aber nicht unbedingt für die übrigen Facetten der Naturfotografie. Häufig verwendet werden unter anderen: Manfrotto MA501, Gitzo GH2720Q, Sachtler DV10, Sachtler DSLR Cine

 

Schnellwechsel-Systeme

 

Ein Schnellwechsel-System verbindet die Kamera bzw. das Objektiv mit dem jeweiligen Stativkopf, es besteht aus einer Basis und mindestens einer Kamera bzw. Objektivplatte. Hilfreich ist es für jede Kamera oder Objektiv eine eigene Platte/Schiene zu nutzen, inzwischen gibt es diese speziell für Kameragehäuse oder Objektivfüsse abgestimmt. Wenn man sich für verschiedene Stativköpfe entscheidet (z.B. Gimbal u. Kugelkopf) ist es ratsam sich für ein Schnellwechselsystem zu entscheiden, damit man die nötige Flexibilität behält. Bei den Platten ist das sogenannte Arca-Profil weltweit sehr verbreitet, die Auswahl an Schnellwechselplatten und Klemmbasen ist sehr groß, man kann es uneingeschränkt empfehlen. Mit L-Winkeln wechselt nicht nur der Landschaftsfotograf schnell von Hoch- ins Querformat, auch diese Winkel gibt es inzwischen für die meisten Kameragehäuse mit Arca-Profil. Bekannte Hersteller von Schnellwechseleinheiten: Novoflex, Arca, Benro, Really Right Stuff, Kirk oder Burzynski